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Bindfaden und Pappe

Wer im Sommer über Landstraßen durch die französische Provinz fährt – sei es, um weitab der Autobahn Staus zu entgehen oder die malerische Schönheit und Ruhe weniger bevölkerter Regionen zu genießen – kennt diese Schilder nur zu gut: Am Stamm einer stolzen Platane, an einem Pfahl am Ackerzaun hängt ein Stück mit Bindfaden oder Stacheldraht befestigte Pappe, auf die mit Marker mehr oder minder leserlich ein Pfeil und ein Wort oder ein kurzer Satz gemalt wurden. So soll der vorbeifahrende Fremde überredet werden, seine Reise für kurze Zeit zu unterbrechen, seinen längst unbequem gewordenen Autositz gegen einige Schritte an der frischen Luft zu tauschen, sein Ziel vorerst zu vergessen und auf den Ruf seines müden Rückens und seines inzwischen knurrenden Magens zu hören.

 
Neben den ewigen und in ihrer Aufdringlichkeit nicht notwendigerweise wirklich einladenden und motivierenden „in 1000 m: Fritten“-Schildern finden sich Hunderte, die den neugierigen Touristen mit Angeboten ganz anderer Art locken. Ziegenkäse, Lavendel, frisch gepflückte Pfirsiche, Kirschen, Pilze, Maronen, Selbsteingekochtes und lokale Obstbrandspezialitäten, aber auch hausgemachter Kuchen sind nur einige der unzähligen Versprechen, die den Blick fern vom Asphalt in eine Welt voller Versuchungen lenken.

Wer das Experiment wagt und beschließt, den improvisierten Verkehrs- und Werbehinweisen eine Chance zu geben, staunt nicht schlecht, wenn sein Weg ihn zu einem wenig aufgeräumten Vorhof führt, an dem an einer langen Kette ein wütender Hund den Störenfried lautstark und feindselig begrüßt.
Kein Hofladen ist hier zu sehen, kein Verkaufsstand.
Es wäre aber ein Fehler, auf dem Absatz kehrtzumachen. Geduld wird reich belohnt. Nach einer Weile bequemt sich eine geschäftige Bäuerin etwas gereizt aus dem dunklen Haus oder der Scheune, bereit, den schimpfenden Vierbeiner in die Schranken zu weisen. Im nächsten Augenblick jedoch strahlt ihr Gesicht. Den Anlass für diese unerwartete Unterbrechung in ihren Pflichten erkennt sie sofort. Der Besucher ist für sie mehr als ein Kunde. Er ist Gast, darf ihr Heim betreten, sich setzen, probieren, was er zu erwerben gedenkt. Was er in dieser sehr persönlichen und mitunter etwas chaotischen Umgebung entdeckt, ist nicht selten ein Splitter jener Magie, die unvergessliche Erinnerungen schafft: die Geschmacksexplosion eines unverfälschten, längst vergessenen Genusses, die verloren geglaubte sinnliche Erfahrung echter Lebensmittel, eine Qualität, für die es keinen annähernd ausreichenden Preis geben kann, und eine Liebe zum Beruf, die unreflektiert und mit entwaffnender Spontaneität das Gute schafft.

Zuweilen ist nicht einmal ein Schild zu sehen: Am Ausgang einer schwierigen Haarnadelkurve, die dem Fahrer nach vielen Stunden am Steuer die letzte Energie abverlangt, steht in einer kleinen Parkbucht ganz unvermutet ein skurriler wackeliger Tisch, der mit einem sichtlich alten und zu kleinen Wachstuch notdürftig dekoriert wurde. Ein Dutzend Gläser Honig mit kindlich handgeschriebenem Etikett stehen etwas verwaist neben einem kleinen Stapel Lavendelsträußchen da. In ihrer unbeholfenen Inszenierung sind sie reizend, ein wenig traurig und mitleiderregend vielleicht, aber auch ein zauberhafter und faszinierender Anblick. Auf einem schmutzigen Klappstuhl hinter dem kleinen Stand langweilt sich ein einsilbiger, offensichtlich schüchterner Teenager, der es sicher niemals zu einer Meisterschaft im kaufmännischen Small Talk bringen wird.
Schenkt ihm sein Gesprächspartner etwas Zeit und aufrichtige, wohlwollende, zurückhaltende Aufmerksamkeit, erzählt er schließlich doch ein wenig von sich: Dass er Damien heißt und seinen Geburtsort nie verlassen will, weil er sich nicht vorstellen kann, woanders zu leben; dass er eine Lieblingsziege hat, die ihn normalerweise begleitet, nur heute nicht, weil er an diesem Stand festsitzen muss. Und auf einmal redet er wie ein Wasserfall – darüber, wie man den Honig „richtig macht“, über die Bienen, die Blüten, die sie brauchen. Wird er gefragt, ob er genug Honig verkaufen könne, ob es sich denn lohne, hier zu stehen, fällt es ihm schwer, darauf zu antworten. In solchen Kategorien denkt er nicht. Er und seine Eltern hätten doch schon alles, sagt er achselzuckend und zeigt dabei auf den grünen Hang hinter seinem Tischchen. Computer kennt er natürlich, aber sie interessieren ihn nicht. Sein Cousin in der Stadt habe einen, er spiele den ganzen Tag darauf. Er finde es lächerlich, möchte aber nicht mehr dazu sagen. Sein Honig verkaufe sich vor allem gut, wenn das Wetter nicht ganz so heiß sei. Und darauf ist er stolz.
Nach diesem Gespräch an diesem viel zu sonnigen Platz mitten im gefühlten Nirgendwo spielt der Preis auf dem kleinen Karton vor den Honiggläsern unter dem Sonnenschirm keine Rolle. Es ist vollkommen egal, ob im Supermarkt 40 Kilometer weiter ein viel größeres Glas für nicht einmal die Hälfte zu bekommen wäre, es ist vollkommen egal, dass der Junge mit dem Wechselgeld Schwierigkeiten hat. Der nun entspannte und überglückliche Tourist, dem langsam wieder auffällt, dass er ein Ziel hatte, leider nicht ewig hier bleiben kann und seine Fahrt wiederaufnehmen muss, auch wenn es ihm gerade sehr widerstrebt, hat ohnehin längst beschlossen, ihm den ganzen Schein zu schenken – und selbst das scheint beschämend wenig, nicht im mindesten angemessen.

Solche Erlebnisse, solche Begegnungen gibt es in den ländlichen Regionen Frankreichs überall – in jeder kleinen Ortschaft, in der eine Großmutter auf einem umgedrehten Blumentopf vor der Tür selbstgemachte Konfitüre oder am Straßenrand aufgelesene Esskastanien verkauft; an jedem Brunnen, an dem ein einzelner alter Bistrotisch und zwei rostige Stühle ein Café darstellen.
Was am Ende einer solchen Fahrt zurückbleibt, sind unauslöschliche Impressionen, Bilder und Sinneseindrücke, die Herz und Gaumen einschließen und niemals wieder loslassen, und Bewunderung für die ansteckende Harmonie, die solche Geschäftsmodelle ausstrahlen: zwischen einem perfekten Produkt von echtem Wert, dem Glück, dem unvergleichlichen Genuss und dem unvergesslichen Augenblick, die sie dem Kunden schenken, und der Originalität, der Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit, mit denen sie es tun.

 
Damiens Honig und der Ziegenkäse der fröhlichen Bäuerin brauchen keine Werbung, keine Claims, kein Geschäftsmodell, keinen Businessplan, keine Website, kein schickes Hofladenschild, keine stylischen Kraftpapiertütchen mit feschem Logo in Handschriften-Font und keine SEO. Sie sind gleichzeitig Luxus, Begehren, Einzigartigkeit und Aufrichtigkeit, Glück und Genuss, ihre Inszenierung ist die Wirklichkeit eines authentischen Lebens allein. Sie brauchen kein Marketing, weil sie selbst Marketing sind – und damit ein Modell und erstrebenswertes Beispiel für die Wirtschaft von morgen, für den Weg aus dem Einerlei des Mittelmaßes.

 

Ich danke ausdrücklich und sehr herzlich dem Künstler Allan Kirk, der mir erlaubt hat, sein Aquarell „Window at Meze“ als Illustration zu diesem Artikel zu veröffentlichen. Ich hatte dieses Bild im November 2019 auf dem Twitter-Account des Künstlers @tarnincolour entdeckt, und es war damals schon mein Wunschbild für diesen Artikel. Allan Kirk hat mir auf sehr nette und erfrischende, unkomplizierte Weise diesen Traum ermöglicht, wofür ich unendlich dankbar bin. So mache ich gerne eine Ausnahme von meiner Regel, in diesem Blog keine Links zu veröffentlichen: Mehr zu Allan Kirk und seine Werke sind auf seiner Website https://www.tarnincolour.com zu finden.
Alle Rechte für Aquarell und Foto verbleiben selbstverständlich beim Künstler.