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Frau Zabels Gemüsekisten

Wer in einer Kleinstadt inmitten einer ländlichen und eher stetig aussterbenden Region aufwächst, hat das Glück eines Erinnerungsrepertoires, vom dem andere nichts auch nur ahnen können. Skurrile Menschen, abwegig erscheinende Biografien, viele alte und gelebte Traditionen und Berufe waren selbstverständlicher Teil meiner Kindheit, und dass ich sie als gegeben und natürlich nahm, ist möglicherweise einer der Gründe für dieses Blog: Ich lernte noch Werte, die heute oft vergessen sind, für mich jedoch lebendig bleiben.

Zu den seltsamen Figuren, die mich schon im Vorschulalter faszinierten, gehörte Frau Zabel*.Während ich damals nicht in Worten hätte ausdrücken können, warum, weiß ich es nun : Es waren die Widersprüche, die sie ausstrahlte, die mir rätselhaft und erkundungswert schienen, es war die unerzählte Geschichte, die ich erspürte.

Frau Zabel war großgewachsen und schlank, aber sie war keine attraktive Frau. Ihre grauen starken Naturlocken waren sehr nachlässig zu einem nicht wirklich gelungenen asymmetrischen und strubbeligen Bob geschnitten, sie trug von Dreck und Schlamm verkrustete Männerschuhe, ihre rissigen Hände und kurzen, ungepflegten Nägel waren immer schwarz vor Erde, und ich habe sie in den vielen Jahren, in denen ich ihr fast täglich begegnete, niemals anders gekleidet gesehen als mit einem alten Hemd, einem unförmigen grauen Wollrock und einer löcherigen lodengrünen Strickjacke mit Lederknöpfen im Winter und einem Kittelkleid im Hochsommer. Sie trug dazu sehr dicke beige und ausgeleierte Kniestrümpfe, bei warmem Wetter Söckchen, die ebenfalls den Eindruck vermittelten, als hätten sie es reichlich satt, seit Jahrzehnten getragen zu werden. An ihrem Gürtel hing eine überdimensionale zerfledderte Lederbörse, wie sie Kellner zuweilen trugen.
Trotz dieser robusten Erscheinung war Frau Zabel ein ausgesprochen schüchterner Mensch. Sie grüßte höflich, schwieg ansonsten, wenn sie nicht konkret angesprochen wurde, und auch dann fielen ihre Antworten, die sie mit erstaunlich leiser Stimme nur zögernd zu geben schien, eher einsilbig aus. Dennoch wirkte sie niemals unfreundlich oder abweisend, nur scheu und verloren, verunsichert und fremd. Ich spürte regerecht, wie unwohl sie sich unter Menschen fühlte – und sie tat mir, dem kleinen Mädchen, das ihr gerade mal bis zum Knie und später bis zur Hüfte reichte, dafür unendlich leid.
Sie trug einen Ehering, und in unserem Viertel hieß es, sie habe sehr darunter gelitten, keine Kinder bekommen zu haben. Mir fiel es schwer, zu verstehen, dass sie Gefühle dieser Art gehabt haben konnte – schien sie doch immer gleich und neutral gelaunt zu sein. Sie war für mich ein Sinnbild des Gleichmuts, ich konnte sie mir weder lachend noch weinend vorstellen und ich fragte mich oft insgeheim, wie Herr Zabel wohl aussehen mochte.

Jeden zweiten Tag hielt Frau Zabel gegen 11 Uhr in einem grauen und verdreckten Kombi vor der Tür des Tante-Emma-Ladens an, in dem meine Mutter ihre Einkäufe erledigte. Dass sie sich verspätete, kam nur selten vor, und das Ereignis wurde von den erwartungsfrohen Kundinnen dann auch stets sorgenvoll kommentiert.
Wenn sie ausstieg und das winzige Geschäft betrat, in dem durchaus mit einer gewissen Aufregung auf sie gewartet wurde, entspann sich mit der Zuverlässigkeit eines Schweizer Uhrwerks ein fast nonverbaler Dialog, der nur für die anwesenden Eingeweihten nachvollziehbar war. Frau Zabel stand in der offenen Tür mit einem Fuß auf der Schwelle, grüßte errötend in die Runde. Das Kinn der Ladenbesitzerin schob sich leicht und schnell nach vorne und machte auf diese Weise jede konkrete Frage überflüssig. Die Antwort kam ebenfalls zügig und schnörkellos daher:
„2 und eine halbe. Und noch eine halbe“
Je nach der Zahl, die genannt wurde, fielen die Reaktionen enttäuscht oder erfreut aus.
„Ist nicht viel … Morgen?“
Frau Zabel begleitet ihre Antwort nun mit einem Achselzucken: „Vielleicht …“
Was für ungeübte Ohren sicher kryptisch geklungen hätte, erschloss sich hier jedem anhand der Jahreszeit. Je nach Monat lieferte Frau Zabel Tomaten, Möhren, Kopfsalat, Prinzessbohnen, Wirsing, Lauch und Kartoffeln, sowie Erdbeeren, Kirschen, Pflaumen und Äpfel. Weil sie und ihr Mann nur über ein Grundstück verfügten, das kaum größer als ein Stadtgarten war, blieb ihr Angebot übersichtlich, und sie bemühte sich, ihre Ware gerecht unter ihren insgesamt sechs Kunden aufzuteilen. Die erste Zahl bezeichnete die Holzkisten des Hauptgemüses der Saison, die sie je Geschäft abgeben konnte, die zweite die Anzahl der Obstkisten, und die dritte, so es sie gab, bezog sich auf eine kleine zusätzliche Menge, die sich entweder aus einer unerwartet reichen Ernte oder aus einer Absage eines der kleinen Läden auf ihrer Route ergab. Manchmal handelte es sich auch um etwas, das nicht im eigentlichen Sinn zu ihren üblichen Produkten gehörte – etwa Gurken, Rüben oder Radieschen im Frühjahr, Haselnüsse, Esskastanien oder Pilze im Herbst, oder um eine kleine Mischkiste mit verschiedenen Gemüsesorten oder Eiern. Wer zu einem bestimmten Zweck mehr brauchte, konnte es ihr im Voraus und rechtzeitig sagen – andere Kunden mussten sich an jenem Tag mit weniger oder gar nichts zufriedengeben.
Nachdem die entsprechenden Mengen mit einem Nicken akzeptiert worden waren, holte Frau Zabel das Gemüse aus dem Kofferraum und stellte es selbst auf die Metallständer, die darauf warteten, gefüllt zu werden. Im Gegenzug nahm sie die leeren Holzkisten vom Vortag wieder mit. Danach schrieb sie in einen kleinen Notizblock mit Karbonpapier eine Zahl und zeigte sie der Ladenbesitzerin. Dieser Vorgang war eher eine Höflichkeit als eine kaufmännische Verhandlung, und beide wussten das. Anschließend verließ sie höflich nickend das Geschäft und fuhr weiter. Einmal im Monat zückte sie ihre riesige schwarze Geldbörse, in die der Erlös für die Verkäufe der letzten Wochen gegen ordnungsgemäße Quittung wanderte. Hatte die Kundschaft die Ware wegen ihrer Frische und ihres Geschmacks besonders gelobt, wurde der vereinbarte Betrag gern und großzügig aufgerundet. Tatsächlich vermisse ich diese Qualität heute noch und muss oft an sie denken.

Frau Zabel und ihr Mann lebten auf einem winzigen Bauernhof. Frau Zabel lud niemanden zu sich ein, und nur durch einen Zufall bekam ich eines Tages die Gelegenheit, ihn zu sehen. Es war ein niedlicher Ort wie aus einer Kinderbuch-Illustration. Eine holperige, rechts mit hohen Margeriten gesäumte Straße führte zu ihrem Vorhof, in dem ein müder und kuschelwilliger Hirtenhund vor sich hin döste. Auf der linken Wegseite kurz vor dem Haus stritten auf einer großen Wiese ein Dutzend Hennen und ein Hahn um Maiskörner. Hinter dem alten, aber erstaunlich gepflegten Gebäude erstreckte sich ein Garten von etwa 130 m², in dem Gemüsereihen und Obstbäume wild durcheinandergemischt ungestört wachsen konnten und an dessen Ende sich ein kleiner Schweinepfuhl befand. Keine Felder, keine Traktoren, kein Personal. Nur ein Garten von beschaulicher Größe.

Eines schönen Juni-Tages, eine Woche nach ihrem 68. Geburtstag, verkündete Frau Zabel, dass sie nun in Rente gehe und dies ihre letzte Fahrt sei. Sie hatte die Fahrten in die 30 km entfernte Stadt satt, verkaufte ihr Auto und vermietete von nun an das, was die große Hühnerwiese gewesen war, an ein junges Paar, das dort in einem kleinen Wohnwagen die Wochenenden und Ferien verbringen wollte. Den Garten bewirtschafteten sie und ihr Mann nun nur noch für sich selbst. Sie verkleinerten ihn etwas für ihren Bedarf, richteten den hinteren Teil zu einer neuen Hühnerwiese um und gaben den Rest der Natur zurück. Nunmehr drei Hennen lebten hier mit dem Hahn, und überschüssige Eier, Obst oder Gemüsekonserven wurden als Nebeneinkommen bzw. Rente an ihre Wochenendbesucher verkauft. Wenige Jahre später, als ihnen die körperliche Arbeit zunehmend schwerfiel, übernahm ein Neffe kostenlos, jedoch gegen ein dauerhaftes Bleiberecht für Onkel und Tante den Hof, kaufte ein benachbartes Grundstück hinzu, nahm zur großen Freude der Stammkundschaft die Belieferung der kleinen Tante-Emma-Läden wieder auf und bot seine Ware auf dem Wochenmarkt an.

Aus heutiger Sicht waren Herr und Frau Zabel Selbstversorger. Sie ernährten sich von dem, was sie produzierten, verkauften den Überschuss und bezahlten damit Strom, Gas, Wasser und was für ihr Auto nötig war. Nur gab es dafür damals keine hippe Bezeichnung, die Aussteigerträume befeuert hätte, keine Überlegung um einen „alternativen Lebensentwurf“ – lediglich ein Leben voller Selbstverständlichkeit, das nicht mit pseudointellektuellen Begriffen wie „naturverbunden“ oder „naturnah“ interessant und erstrebenswert geredet werden musste, ein Dasein, wie die Natur es tatsächlich vorsah: unaufgeregt, frei, echt.
Obwohl ich eine ungemein reinliche und überaus kritische kleine Person war, störte es mich seltsamerweise nie, dass Frau Zabel eher wie eine Obdachlose aussah. Wenn sie das kleine Geschäft betrat, fühlte ich mich auf einmal und unerklärlicherweise geborgen, entspannt und fröhlich. Etwas an ihr fand ich anziehend, und ich mochte sie einfach. Heute glaube ich zu wissen, wieso: Es war nicht nur die versteckte Freundlichkeit, die ab und zu in ihren glänzenden blauen Augen hervorblitzte und die ich ahnte und verstand. Frau Zabel ruhte in sich selbst. Sie war schüchtern, aber auf ihre Art auch selbstbewusst, sie führte ein selbstbestimmtes und authentisches Leben und war im Einklang mit sich selbst.

 

In der mittlerweile vollständig verwaisten Region, die die in meinen kindlichen Augen rätselhafte Frau Zabel bis zu ihrem Tod in ihrem 93. Lebensjahr nie verließ, siedeln sich heute erneut Menschen an, die von dort stammen und sich für diese Art von Leben entscheiden, weil sie sie noch, wie ich, aus ihren Kindheitserinnerungen kennen und sie gerade deshalb in unserer von beruflichen und gesundheitlichen Unsicherheiten geprägten Zeit als maß- und sinnvollen, ja tröstlichen Ausweg sehen. Erfreulicherweise scheinen sie es ernst zu meinen**.Es wäre schön, wenn aus diesen Vorhaben über den Hype hinaus tatsächlich eine reife und zukunftsträchtige Entscheidung erwachsen könnte – eine Entscheidung, wie Frau Zabel sie vielleicht nie bewusst getroffen hat, die sie aber sicher begrüßen würde, und die ihr Andenken ehren würde.

*Obwohl Frau Zabel schon lange verstorben ist und keine Nachkommen hinterließ, wurde der Name geändert.
**Klein&Fein wird demnächst darüber berichten.