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Missverständnis Minimalismus

Zwischen Schimpfwort und Hype

Lange Zeit wurde der Begriff „Minimalismus“ eher spöttisch verwendet, kennzeichnete er doch euphemistisch und durchaus herablassend das, was als zweckmäßig, kahl, trist, ungemütlich, unpersönlich, nüchtern oder ideenlos galt. Die Minimal Art der 60er Jahre konnte kaum als positives Gegenargument herhalten. Klimakrise, Digitalisierung und Reizüberflutung führten allerdings nach und nach dazu, im Leeren von Zeitplänen, Räumen und Gedanken wieder etwas Erstrebenswertes zu sehen. Blogs unterschiedlichster Qualität und Bücher zu diesem Thema schossen in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden. „Weniger ist mehr“ war auf einmal ein zuweilen leidenschaftlich verfochtenes Glaubensbekenntnis, das sich gern philosophisch überlegen wähnte und sich nicht scheute, selbstgerechte Überzeugungsarbeit leisten zu wollen. Nicht zuletzt wurde der Trend zu einer erfolgreichen Marktlücke. Bei genauerem Hinsehen jedoch stellt sich heraus, dass der Sinn den Hype nicht überlebt hat und unter dem Sammelwort unterschiedlichste Ansätze wahl- und geistlos durcheinander gewürfelt wurden.

Extrem-Minimalismus: Asiens Sonderweg
Es begann wie so oft mit dem Fernsehen. Die asiatischen Medien bemühten sich bereits vor einigen Jahren, auf ein Phänomen aufmerksam zu machen, das als wirtschaftlich relevant und besorgniserregend hervorgehoben werden sollte. Immer mehr junge Japaner, Chinesen, Koreaner, die sich Reizüberflutung, beruflichen und sozialen Herausforderungen nicht mehr gewachsen fühlen, werfen alles über Bord und führen eine Art städtisches Einsiedler- und Asketendasein. Parallel und als Gegenpol zur japanischen Besonderheit des Hikikomori-Syndroms, bei dem die Überforderung in Sozial- und Agoraphobie, die Flucht vor beruflichen und sozialen Herausforderungen und Messie-Verhalten mündet, entwickelte sich dieses Phänomen in der arbeitenden Bevölkerung der 20- und 30-Jährigen ungeachtet ihres Bildungsstands, ihrer Wohnsituation und ihres professionellen Umfelds. Sie beschränken ihren Besitz auf eine Tasse, einen Teller, einen Kamm, eine Zahnbürste und ein einziges Kleidungsstück für jede Jahreszeit – sie bleiben einfach nackt in ihrem Bett, während es gewaschen und getrocknet wird. Ihre privaten Kontakte sind spärlich und begrenzen sich auf oberflächliche Begegnungen außerhalb der eigenen vier Wände.
Dieser Lebensstil wurde – eher von den Medien als von den Betroffenen selbst, die ohnehin Öffentlichkeit und Erklärungen scheuen – auf extreme Weise inszeniert. Was später in Europa als erstrebenswerte moderne Weisheit stilisiert wurde, sollte vor allem dokumentarisch aufzeigen, was die Anforderungen des 21. Jahrhunderts auch bei jungen, intelligenten und im Allgemeinen überdurchschnittlich gebildeten Menschen ausrichten können, und die Not einer Bevölkerungsschicht abbilden, die mit den kombinierten Zwängen von nicht verhandelbaren Traditionen, hohen Erwartungen und heutigem technisiertem Leben nicht mehr zurechtkam.

Brachial und männlich?
Im Westen sind es ebenfalls gerade vornehmlich Männer und nicht zuletzt alleinstehende Männer, die sich dafür entscheiden, einen ähnlichen Weg zu gehen. Anders als in Asien allerdings suchen einige von ihnen durchaus die Öffentlichkeit und nutzen ihre Blogs und Bücher als Einkommensquelle oder bieten ihre Dienste als Minimalismus-Berater an. Nicht zuletzt zementiert ihr Lebensmodell eine gezielt aufgebaute soziale Isolation, die Ablehnung von Partnerschaften und eines funktionierenden Soziallebens.
Mag ein Leidensdruck durch chronische psychische Probleme, Burn-out oder Depressionen nach einem Schicksalsschlag der ursprüngliche Auslöser dieser Wohnform sein, so wird sie anders als etwa in Japan oder Korea nicht als Versagen, Bürde oder Schande, sondern als positiv, identitätsstiftend, letztlich willkommen und gewollt empfunden, ja sogar mit Selbstzufriedenheit und einem gewissen Stolz vermittelt.
Im Gegensatz zu dem asiatischen männlichen Minimalismus sind Konsumverzicht und Genügsamkeit gewiss nicht notwendigerweise damit verbunden und weniger in akademisch ausgebildeten Milieus anzutreffen. „Minimalismus“ wird dabei zur stilisierten Armut … ohne jeden Stil und ohne jede Armut. Tatsächlich ist der Ansatz in den meisten Fällen ausschließlich pragmatisch, bodenständig, mitunter autistisch oder selbstbewusst, aber kaum asketisch oder reflektierend. Auch wenn – deutlich seltener als im asiatischen Raum – gesundheitliche Aspekte eine Rolle spielen, sind meditative oder ästhetische Betrachtungen fast nie von Belang. Befreiung, gesuchte Einsamkeit, finanzielle Vorteile, weniger Arbeit, Digital Detox und aktive Ablehnung sozialer Kontakte sind hier maßgebender.
In dieser Hinsicht entspricht dies auf den ersten Blick der Wörterbuch-Definition von Minimalismus: die Beschränkung auf das Nötigste.

Minimalismus als Genügsamkeit
Was „das Nötigste“ ist, bestimmen Herkunft und Bildungsstand. Gerade diese Begriffsbestimmung findet in der westlichen Gesellschaft andere Ausdrucksweisen eher weltanschaulicher Art. Naturbewusstheit, Klimaschutz und Nachhaltigkeitsgedanken werfen die Frage auf, inwiefern Glück und Besitz in unmittelbarer Verbindung stehen müssen, regen zu moderateren Konsumgewohnheiten an. Minimalismus wird in diesem Kontext nicht als Verzicht und Ablehnung, nicht als Pflichtbuße oder resignierter Ausstieg, sondern individuell als Vernunft wahrgenommen, als Rückkehr zu einer maßvolleren, natürlicheren und menschlicheren Lebensweise und zu echten Werten, gesellschaftlich als Antwort auf Probleme wie Einkommensverteilung und soziale Ungleichheit, auf Umwelt- und Gesundheitsgefährungen. In neueren Diskussionen um das Bedingungslose Grundeinkommen und um Work-Life-Balance nimmt Minimalismus die Form materieller, überlegter Genügsamkeit an, die nicht aggressiv propagiert wird, sondern sich als Hinterfragung, Anstoß und Modellangebot versteht.
Die Pandemie insbesondere hat zu neuen Denkmustern geführt, die vergessene Nuancen freilegen. In vielen Ländern, darunter Frankreich, Spanien, Japan, wird bereits auf wirtschaftspolitischer und kommunaler Ebene dem Wunsch der Bevölkerung entsprochen, die kleineren Strukturen der örtlichen Geschäfte und lokalen Unternehmen zu fördern, in Industrie und Landwirtschaft auf vermeidbare und daher überflüssige Importpraktiken zu verzichten. Minimalismus bedeutet nunmehr die bewusste und detailliert herausgearbeitete Entscheidung für ein schlichteres Leben und ein eingeschränktes Angebot im Tausch gegen Zufriedenheit und weniger flüchtige Werte. Dieser neue Minimalismus verbindet ökologische und nachhaltige Ansätze mit dem Wunsch, ja der Hoffnung nach Lebens- und Produktqualität, nach Authentizität, nach einem genügsamen Glück.
Was hoffnungsvoll stimmen könnte, wird gerade durch die Allgegenwärtigkeit des Begriffs leider zur Gefahr. „Minimalismus“ wird im deutschen Sprachraum neuerdings nur zu gern politisch geentert und droht als Reißbrett für Ge- und Verbote missbraucht zu werden.
Auch die A-Tiny-Houses, die neue Wohnentwürfe bieten sollten, verkommen nach dem Motto „klein, aber fein“, zu unerschwinglichen Designobjekten, die jede Genügsamkeit verlassen hat.

Luxus-Minimalismus – die Brücke zwischen Ost und West wird zum Zeitgeist
Was ein gesellschaftliches Porträt in besorgten asiatischen Medien war, verselbständigte sich tatsächlich weltweit schnell und kehrte sich bald um.
Dank einer Reihe von Reality-Shows auf einem berühmten TV-Streaming -Dienst und des klugen kaufmännischen Schachzugs einer jungen in den USA lebenden Japanerin, die allen vorführte, wie befreiend es sein kann, sich nicht mit materiellem Besitz zu belasten, wurde „Minimalismus“ im Westen für die sorgfältig ausgesuchte Zielgruppe der wohlhabenden oder zumindest gutsituierten Frauen in den mittleren Jahren zur Entgiftungs- und Achtsamkeitsmethode, zur Offenbarung und zum Allheilmittel, zur Erfüllung schlechthin, zum Hype, zur Religion – zu einem Lifestyle, den man sich erstmal leisten können muss.
Gerade in Deutschland kam diese Haus- und Lebensentrümpelungs- und -aufräumtechnik besonders gut an und wurde als Beispiel für eine erstrebenswerte, neue Weisheit rezipiert. Es verwundert wenig, denn die Zeiten konnten dafür nicht günstiger sein. Gedanken um soziales Gewissen, Nachhaltigkeit, Klimaschutz ließen sich auf dem fruchtbaren Terrain protestantischer Kasteiung und des „Ordnung muss sein“-Prinzips prächtig als Vorwand für Gewissensberuhigung und Selbstüberhöhung nutzen. Speziell entwickelte Ordnungssystem-Produkte werden hierfür zu beeindruckenden Preisen in einem entsprechen Shop angeboten. Schließlich soll das eigene Interieur demonstrativ die neue Einstellung, ja Anschauung widerspiegeln. Um sich von kapitalistischen Werten zu befreien, wird sehr viel Geld ausgegeben.

Zwischen alledem: Purismus & Wabi Sabi
Parallel zu diesen widersprüchlichen Wortdeutungen wird „Minimalismus“ zu einem – denkbar schlecht gewählten – Oberbegriff für die verschiedensten ästhetischen Tendenzen. Alles, was Schlichtheit zelebriert, was die Schönheit des Natürlichen, des Unscheinbaren, Vergänglichen, Ursprünglichen, des freien Raums und der Zurückhaltung zum künstlerischen Wert erhebt, was von dezentem und filigranem Charme zeugt, wird als „minimalistisch“ bezeichnet. Die Unterscheidung zwischen beabsichtigter optischer Wirkung, Reinheit der Sinneswahrnehmung, vornehmer genüsslicher Stille einerseits und desinteressierter Zweckmäßigkeit, völliger Inhaltsleere und Substanzfreiheit oder Kommunikationsunfähigkeit andererseits wird nicht mehr verstanden. So wird zum Beispiel die japanische Philosophie des Wabi Sabi, des demütigen Respekts vor der Natürlichkeit und Vergänglichkeit der vermeintlich unscheinbaren Dinge, zu einem Argument des Laisser-faire, der Faulheit und der Nachlässigkeit. Beide Ansätze werden als Ausdrucksformen des Minimalismus’ betrachtet, was sie nie waren.

 

Tatsächlich ist das, was die westlichen Kulturen als Minimalismus entdeckt zu haben glauben, kein einheitliches Konzept und stammt aller Klischees und Vorurteile zum Trotz nur bedingt aus der asiatischen Denkwelt. Im täglichen zeitgenössischen Sprachgebrauch vermischen sich Dinge dabei auf tragische Weise. Was so entsteht, ist ein geradezu übelriechendes Potpourri aus heillos durcheinander gewürfelten Begriffen. Ausmisten und Aufräumen als Statussymbol für den wohlhabenden Mittelstand, misanthropische Isolation, sozialpsychologische Probleme, politisch-orthodoxe bis extremistische Selbstgerechtigkeit und ästhetische Gleichgültigkeit einerseits mit reflektierter und gemäßigter Genügsamkeit, spiritueller Askese und Purismus oder der Sehnsucht und Suche nach alten authentischen Werten andererseits gleichzusetzen, ist mehr als nur undifferenziert und führt zu einer verheerenden Verflechtung von Tendenzen, die einander nicht ähneln, sondern im Gegenteil vollkommen entgegengesetzt sind. Echter Minimalismus ist nicht militant. Er ist eine stille und individuelle Wahl, die als solche weder Etiketten oder Schubladen noch eine gläubig-kämpferische Lobby nötig hat.