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Teilen statt besitzen – die ethisch-soziologischen Gefahren eines zeitgenössischen Modells

Wir lernen es schon als Kind: Teilen ist gut. Es zeugt von Zuneigung, Freundschaft und Liebe, aber auch von erstrebenswerten Charaktereigenschaften wie Großzügigkeit und Selbstlosigkeit. Teilen zeigt, dass wir in der Lage sind, anderen den Vortritt zu lassen. Teilen ist das, was uns zu besseren Menschen macht.

Dabei ist Teilen keineswegs ein Merkmal des Menschen und in den Anfängen eigentlich nicht einmal ein ethischer Wert. Was uns anerzogen werden muss, ist für andere Primaten und Säugetiere, aber auch Vögel, Ameisen und Bienen selbstverständlich. Homo sapiens ist im Gegenteil vermutlich gerade die erste Art, die darin eine moralische Verpflichtung sieht, während die Natur vor und neben ihm nie großartig darüber nachdenken oder sich dazu überwinden musste. Dies ist leicht zu erklären: Als der Versorgungsüberfluss das Überleben zur Nebensache machte, wurde aus der Notwendigkeit ein Luxus, den sich zu gönnen nunmehr lediglich zum guten Ton gehört.

In letzter Zeit insbesondere kommt das Teilen in unseren westlichen Wohlstandsgesellschaften wieder in Mode – nicht als Ausdruck des tugendhaften Verhaltens eines Individuums, sondern als Konsum- und Wirtschaftsmodell: Teilen statt besitzen.
Heute kann vieles, ja beinahe alles geteilt werden: Car-Sharing, Download-Plattformen für Bücher und Filme, Mietkleidung machen es möglich. Um etwas zu nutzen, ist es nicht mehr nötig, es zu kaufen und zu haben.
Teilen wird immer mehr zum Hype und als Allheilmittel gegen die Probleme und Schwächen unserer Gesellschaft gefeiert.
Finanzielle Aspekte sind dabei oft nur am Rande relevant: Streaming-Dienste sind nicht wirklich preiswert, eBook-Reader genauso wenig. Angestrebt werden vor allem Komfort durch Platzgewinn, ein besseres Selbstbild durch Kaufreduzierung, Nachhaltigkeit durch Produktionsverzicht, aber auch psychologisches Wohlbefinden durch Minimalismus. In dieser neuen Sinngebung wird Teilen im Allgemeinen mit der Vorstellung gleichgesetzt, den eigenen Besitz nicht mehr so wichtig zu nehmen und sich Tiefgründigerem und Essentiellerem zu widmen. Es gilt, sich von materiellen Dingen zu befreien, um sich auf das wirklich Wichtige zu konzentrieren.
Teilen gilt als sozial, ökologisch, verantwortungsvoll, bedeutsam und zukunftsweisend.

Während in Entwicklungsländern Sharing Economy in der Tat ein durchaus sinnvoller Weg in Richtung Autonomie und Arbeitsplatzbeschaffung sein kann, verkommt das Teilen bei uns allerdings zunehmend zur politisch-privaten Pose und wandelt auf seltsamen Pfaden zwischen aggressiv verteidigtem Glaubensbekenntnis und zur Schau gestelltem Lifestyle.
„Teilen statt besitzen“ bedeutet hier deshalb nicht Verzicht, sondern im Gegenteil ungezügelten Konsum und dessen bequeme Rechtfertigung.
Genauso, wie Menschen nachweislich mit physikalischem Geld sorgsamer umgehen als mit Kreditkarten und virtuellen Guthaben, weil ihnen bei einer Barzahlung bewusster wird, wie viel sie ausgeben, werden der Verbrauch auf Film- und Buch-Plattformen oder der permanent volle Kleiderschrank etwa nicht als real registriert und empfunden. Teilen ist wie virtuelles Kaufen sehr wohl Konsum, nur ohne die Last des schlechten Gewissens, das mit dem Erwerb eines berührbaren Gegenstands verbunden wäre. Die von den Servern oder für die Herstellung der Endgeräte vernichteten Ressourcen werden großzügig übergangen oder als zu vernachlässigende Größe schöngeredet, das ökologische Argument erstickt bald mit einem angenehm unwissenden Achselzucken unter Tausenden von heruntergeladenen Dateien, Tonnen von Plastik, Kupfer, Wasser und Gold und einem kaum zu überblickenden Stromverbrauch.
Teilen bedeutet in dieser Hinsicht auch, sich von der mit dem Konsum verbundenen Verantwortung endgültig zu befreien. Diese wird abgegeben und auf die anbietenden Unternehmen, auf die Gemeinschaft übertragen, auf alle … und somit auf niemanden.
„Teilen statt besitzen“ ist keine ökonomisch und sozial reife und ethische Entscheidung, sondern das Gegenteil davon: Wenn sich niemand mehr zuständig fühlen muss, wenn alles allen gehört … wozu dann hegen und pflegen? Teilen ist das neue Credo und die neue Ausrede einer rücksichtslosen Wegwerfgesellschaft unter dem Heiligenschein einer vermeintlich weisen Einsicht.

Weitaus schlimmer noch ist dabei die menschliche Komponente, und was die Kultur des Teilens über die Entwicklung des Menschen als Individuum, der Gesellschaft und der Zivilisation offenbart.
Was zunächst erstrebenswert, weise, fortschrittlich und löblich anmutet, ist vor allem Symptom einer neueren und beunruhigenden Oberflächlichkeit.
Wurden persönliche Dinge in der Vergangenheit geschätzt, ja geliebt, so werden sie durch das Nichtbesitzen auf ihre bloße Funktion reduziert und somit austauschbar, und es verlieren auch andere wesentliche Elemente des Lebens an Relevanz – bis hin zu anderen Menschen selbst. Indem sich der Einzelne von Gefühlen für alles Materielle löst, verliert er nicht zuletzt einen Großteil seiner Fähigkeit zu emotionalen Bindungen überhaupt. Wer nicht mehr lernt, Gegenstände als seine wertzuschätzen, ihnen eine Bedeutung im eigenen Leben und für das eigene Leben einzuräumen, wird auch nicht in der Lage sein, Dingen und Lebewesen einen nicht utilitaristischen Wert beizumessen – und woran man nicht hängt, das behandelt man auch nicht gut.
Es schleichen sich durch diese Gleichgültigkeit ein Abstumpfen, ein Verlust der emotionalen Lebensqualität ein: Keine Gefühle bedeuten außerdem keine Freuden, nur sinnloses, mattes Funktionieren.
„Teilen statt besitzen“ bedeutet zudem den Verzicht auf Erinnerungen und das, was unsere Geschichte ausmacht und erdet. Der Einzelne und seine Vergangenheit werden austauschbar, wenn alle ohnehin das Gleiche aus derselben Quelle konsumieren und sich durch nichts definieren. Und Austauschbares ist entbehrlich.

Diese Zweckmäßigkeit allen Tuns und allen Seins hat für die Auffassung der Umwelt und die Umsetzung des Umweltschutzes weitreichende und vernichtende Konsequenzen. Der Wert der Natur wird nicht emotional und individuell (an)erkannt, rezipiert und gelebt, sondern als Abstraktum betrachtet, schlimmstenfalls, wie Greta Thunbergs Bewegung Fridays for Future es überdeutlich zeigt, nur noch anthropozentrisch als Notwendigkeit für das Überleben der Spezies. In einer von allen vermeintlich überflüssigen Bindungen gelösten Welt geht es nicht mehr darum, die Natur oder den Planeten um ihretwillen oder um ihrer Schönheit willen zu bewahren, sondern die Rettung, den Fortbestand und in erster Linie den weiteren Wohlstand der Menschheit zu sichern – ein global betrachtet nicht nur anmaßendes und dünkelhaftes, sondern auch müßiges Unterfangen.
Doch gerade die Reduzierung des Handelns auf das Nötigste, auf das Gebotene, Zweckmäßige und Unverbindliche öffnet Tür und Tor zu einer entmenschlichten, roboterhaften Gesellschaft, der jede Ethik fremd ist und die sich selbst überflüssig macht.

Das Modell „Teilen statt besitzen“ züchtet nicht selbstlose oder großzügige, lebensfrohe und befreite Menschen, die sich ihrer selbst bewusst sind, sondern eine gleichförmige Masse kaltherziger, empathieloser, anthropozentrischer Egoisten, denen nichts mehr etwas bedeutet. Weisheit und Moral sind davon weit entfernt.