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Zukunft der Wirtschaft: vom japanischen Handwerk lernen

Japan ist bunt, modern, technisiert. Es ist die Heimat der KI, der ersten selbständig sprechenden Roboter, der knalligen Neonwerbungen und glänzenden Glasfassaden. Aber es gibt auch ein anderes Japan: dasjenige der Kalligraphie, der im Alltag getragenen Kimonos, der Maikos, der Hausschreine und des Noshibukuro. Handwerk und Kunsthandwerk in Japan sind Ausdruck dieser beiden Facetten und zeigen, wie sie in Harmonie zu bestehen vermögen.

Ein unverkrampftes Miteinander von Gestern und Morgen

Was in der westlichen Denkart ein Widerspruch zu sein scheint und bestenfalls als ein Nebeneinander zweier im Grunde einander immer fremder werdenden Welten gedeutet werden könnte, beruht weder auf einem gegenseitigen Ignorieren noch auf einem sich dem Ende zu bewegenden kulturellen Machtkampf. Tradition und Fortschritt sind in der japanischen Anschauung nicht die zwei entgegensetzten Seiten einer Medaille und ebenso wenig feindliche Lager, vielmehr gehen sie unvermeidlich und stimmig Hand in Hand.
Tradition ist in der gelebten japanischen Philosophie kein stures, sklavisches und rechthaberisches Festhalten an unveränderlichen Vorstellungen: Sie wird als etwas Organisches aufgefasst, das auch als solches gepflegt und am Leben gehalten werden soll und muss, weil es der Natur des Menschen und der Dinge entspricht. Dafür ist es nötig, Traditionen in all ihren Formen und Ausdrucksweisen bewusst und aktiv in die Gegenwart und die Zukunft zu überführen: durch sanfte, behutsame, aber stetige Anpassungen und kleine Veränderungen. Traditionen werden nicht als verstaubtes Relikt und an Gültigkeit verlierende Wirklichkeit betrachtet, sondern als Ausdruck zeitloser Werte – und damit als schützenswert und bedingungslos zukunftsträchtig.

Der Alltag als Scharnier zwischen Alt und Neu

Am Beispiel des Brauchtums zeigt sich, wie flexibel und offen vermeintlich alte Dinge gehandhabt werden können. So weiß der Handel das Neujahrsritual der Osechi-ryōri durch Convenience-Angebote für Gestresste und Singles anzupassen, ohne auf die erwartete Qualität zu verzichten oder optische Grundsätze zu verletzen.
Gerade die kleinen Handwerksbetriebe, deren Untergang besiegelt sein könnte, wissen sich neue Ziele zu setzen und lassen den westlichen Begriff der Disruption als reichlich bemüht, überflüssig und lächerlich erscheinen. Nachdem der Bedarf an traditionellem Haarschmuck für Geikos und Maikos es nicht mehr ermöglicht, kostendeckend zu arbeiten, haben es die kleinen Werkstätten auch ganz ohne Unternehmens- oder Marketingberater verstanden, neue Märkte zu erschließen, und bieten heute in feschen kleinen Boutiquen Haarspangen und Ohrringe für Teenager und Touristen an. Einen ähnlichen Einfallsreichtum beweisen die Drahtnetzdreher, deren Handarbeit qualitativ zwar noch geschätzt wird, die allerdings im Allgemeinen nicht mit der anerkanntermaßen minderwertigeren, jedoch preiswerteren und schnelleren industriellen Fertigung von Tofu-Schöpfsieblöffeln konkurrieren können: Sie arbeiten nicht nur noch im kleinen Maßstab und im höheren Preissegment für hochwertige und ebenfalls handwerkliche Produzenten, sondern nutzen ihre Fertigkeiten auch, um Untersetzer, Obstkörbe, Flaschenregale, Lampenschirme, Badezimmerutensilien und dergleichen zu flechten. Das Handwerk bleibt, das Produkt ändert sich.
Dabei werden diese Veränderungen, die sich aus der wirtschaftlichen Notwendigkeit einer sich immer schneller drehenden Welt ergeben, nicht als Niederlage, Opfer oder Kompromiss empfunden. Sie sind das Spiegelbild des natürlichen Gangs der Dinge und eine interessante Herausforderung, die die Arbeit mit frischem Sinn und Motivation erfüllt.

Bewahren heißt nicht Stillstehen

Dass alte handwerkliche Techniken ohne Verbitterung oder Bedauern umfunktioniert werden, hat viel mit dem Verständnis von Zeit, Natur und Respekt zu tun.
Es geht nicht um das Bewahren um des Bewahrens willen, wie man es in einem Heimatmuseum tun würde, wo ausgestorbene oder aussterbende Praktiken und Lebensweisen wie Zirkustiere als Kuriositäten oder Niedlich-Belustigendes vorgeführt werden – dies mitunter mit der nicht geringen, wenn auch unbewussten Überheblichkeit und Hybris des „modernen“ industrialisierten Homo sapiens. Vielmehr ist es in Japan wichtig, Werte im Leben und am Leben zu erhalten, ihnen zu ermöglichen, den Alltag zu begleiten. Traditionen werden daher als Verpflichtung, jedoch nicht als Bürde oder Selbstzweck erlebt. Das Festhalten an der guten alten Zeit ist keine Rechthaberei und Ewiggestrigkeit, keine Nostalgie oder Idealisierung, es gestaltet bewusst das echte Leben im Jetzt und in Zukunft.
Traditionen werden in Japan nicht aus einer rein historischen Dimension heraus in die Gegenwart überführt, damit sie irgendwie überleben. Dies geschieht im Gegenteil aus dem Glauben einer Notwenigkeit heraus, aus dem Willen, etwas zu übermitteln, das durch nichts anderes gegeben werden kann und entscheidend zur Lebensqualität beiträgt, bzw. das allein diese Form von Lebensqualität schenken kann. Diese Überzeugung ist tief verwurzelt und wird generationenübergreifend aufrichtig empfunden.

Kontinuität als Träger des Fortschritts

Traditionelle Werte, Praktiken und Arbeitsweisen aus alten Tagen werden nicht als Widerspruch zu der permanenten Weiterentwicklung der Wirtschaft betrachtet, weil gerade sie es sind, die die erforderlichen Mechanismen liefern, ohne die Fortschritt nicht entstehen könnte. Deshalb verkommt traditionelles Handwerk eben nicht zur Folklore: Es öffnet durch Kontinuität den Weg in nachhaltiges Handeln.
Disruption existiert in Japan niemals als Tabula rasa: Es wird stets gründlich hinterfragt, wie althergebrachte überlieferte Techniken dazu beitragen könnten, neue Produkte für die Welt von heute zu kreieren. Junge Grafikdesigner etwa integrieren Kamons mit größter Sorgfalt und Liebe in neue Logos und widmen der modernisierten Verwendung alter grafischer Muster in Website-Oberflächen tiefgründige und ehrfürchtige Überlegungen. Nichts wird aufgegeben, nichts als obsolet abgeschrieben, nichts vollständig abgeschafft, sondern so viel beihalten wie möglich und so wenig geändert wie nötig, neu durchdacht und neu erdacht. Kontinuität ist ein Garant für Qualitätsbewusstsein und somit ein wirtschaftlich-ethischer Faktor der ökonomischen Entwicklung.

Angstfreie und friedliche Koexistenz

Aus dieser Sichtweise heraus sind Industrie und Automatisierung für das Handwerk keine Bedrohung, stellen keine potentielle Zerstörung der Existenzgrundlage dar. Beide bestehen erfolgreich parallel zueinander und ergänzen einander: auf dem Markt, weil sie mit Überzeugung unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse bedienen; in der Produktion, weil große Unternehmen von den kleinen lernen bzw. sich ihrer Fertigkeiten bedienen und sie für ganz besondere Aufträge als Zulieferer beauftragen. Der Glaube, dass in der Wirtschaft für beide nebeneinander genug Platz ist, führt zu einem neidfreien Verhältnis und gegenseitigem Befruchten. Handwerker und Kunsthandwerker empfinden sich nicht als Opfer, als ausgeliefert und bedroht. Die Herausforderung steigert ihr Gefühl für ihre Mission, ihr Selbstbewusstsein, spornt sie zu einer neuen Kreativität, zu einer Steigerung der Qualität ihrer Arbeit an, hilft ihnen, ein neues Niveau, eine höhere Stufe der eigenen Kompetenz zu erreichen, die sie als bereichernd erleben.

Alles fließt – in Balance

Während im Westen passiv zugesehen wird, wie industrielle Produktion die Daseinsberechtigung von Handwerk und Kunsthandwerk in Frage stellt, sind Japan Defätismus und Selbstmitleid fern. Die Reflexion über die eigenen Inhalte und eine aktive und positive Lebenseinstellung führen zu einer neuen, stärkeren Kreativität, der Erschließung origineller und erfolgreicher Nischen, zu immer geschätzteren Produkten für neue Zielgruppen. Entwicklung und Innovation werden im Spiegelbild des Zyklus’ der Natur als normal, als Teil des Lebens aufgefasst.
Der Erfolg dieser Denkweise liegt nicht zuletzt in der Bescheidenheit und der Fähigkeit, den eigenen Platz zu kennen, gepaart mit dem Stolz, hochwertige Arbeit zu liefern. Die Balance zwischen Demut und Genügsamkeit einerseits, Perfektionismus, Sinnsuche und Ehrgefühl andererseits ermöglicht diese unaufgeregte und deshalb effizientere und effektivere Einstellung, eine damit verbundene sinnvolle und sinnstiftende Arbeit und deren Erfolg.

 

Die im Westen mittlerweile immer schärfere Polarisierung zwischen Handwerk und Kunsthandwerk auf der Verlierer- und Opferseite und der erfolgreichen Industrie als Sinnbild von Fortschritt und Wachstum auf der anderen Seite ist kein unabwendbares Schicksal. Noch wäre es möglich, umzudenken, und einige während und aufgrund der Coronakrise in Spanien und Frankreich aufgekommene Tendenzen zeigen, dass dieser Weg noch nicht vollständig verbaut ist. Uns im deutschen Sprachraum würde er mehr als nur gut tun – auch wenn leider unwahrscheinlich ist, dass er hier gewünscht wird.